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Detlev Ackermann

 
   
 
 

Andante ma adagio con finale furioso
 
 
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01.07.2002  

 
 

Ashburton, noch 12 km, aber die haben es in sich! Vor mir liegt, der Mpusheni, ein bissiger Anstieg von ca. 1 km, auch als „Little Polly“ bezeichnet, der Vorbote des berüchtigten Killers “Polly Shortts“. Alle gehen jetzt an den Anstiegen. Vor 2 Jahren habe ich hier auch nur noch gehen können, jetzt laufe ich noch immer und arbeite mich langsam in das Mittelfeld vor. Ab Polly Shortts will ich noch einmal zuschlagen und angreifen. Ich will Genugtuung für das Leiden, das ich vor 2 Jahren aushalten musste. Fürchte nicht die Boten des Todes, heute ist dein Tag!

Langsam, geradezu genüsslich, laufe ich Polly Shortts hoch, den fünften und letzten Berg der „Big Five“. Hier stehen die meisten Fernsehkameras der ganztägigen Life-Übertragung, denn hier entscheidet sich alles. Ich erkenne sie wieder, die Leiden, aber heute gehören sie nicht mir, sondern anderen. Ich weiß, was in den anderen vorgeht, weiß, wie unendlich lang die letzten Kilometer sein können und wie die Zeit ge-gefressen wird. Wie lang und schwer 2 km sein können, ist hier zu erfahren. Tut mir Leid für euch, aber ich muss weiter.

Endlich oben und gleich hinter der großen Verpflegungsstation das Ortseingangsschild „Pietermaritzburg“, die Pforte zum Paradies, das nur noch 7 km entfernt ist. Ich erhöhe mein Tempo, wohl wissend, dass es bis zum Ziel noch einige Anstiege gibt, die schmerzhaft sein können, aber nicht bei mir, zumindest nicht heute! Wenn ich ein Tempo von 6 Min/km halten kann, werde ich bei 9.50 Std. einlaufen. Das Rechnen funktioniert noch. Ich mache weiter Druck und leiste mir keinen unnötigen Aufenthalt mehr an den Verpflegungsstellen. Unsere Begleitgruppe wird sicher schon da sein. Haltet die Kameras bereit, ich komme!

Scottsville Racecourse, wo sich das Finsh befindet, ist erreicht. Nun noch eine Runde über weichen Rasen durch das dichte Zuschauerspalier. Nach einer Linkskurve sehe ich auf der rechten Seite das Zelt für die „International runners“ und erkenne unsere Leute, die mir zurufen und winken. Ich winke zurück, balle die rechte Faust und genieße mich.

Noch eine Rechtskurve, dann sehe ich das Ziel. Adrenalin bis in die Haarspitzen, ein letzter Spurtversuch, geschafft: 9.49.25 Std., Platz 4276. Ich fühle mich großartig, Triumph des Geistes über die Materie, empfange meine Bronzemedaille und begebe mache mich auf den Weg zum International-Zelt.

Unsere Begleitgruppe empfängt mich mit einer herzlichen Begrüßung und führt mich in ein ruhigeres Eckchen des Zeltes, wo einige bereits angekommene Läufer unserer Gruppe warten: Mein alter Kumpel, Josef Steingaß aus Aachen, mein Lauffreund Lothar Feicke aus Leipzig, der endlich im dritten Anlauf die Grenze von 9 Stunden unterboten hat und dafür mit einer Bill Rowan Medaille belohnt wird, Klemens Walter, der ebenso wie Wolfgang Seewald im ersten Ultralauf überhaupt unter 9 Stunden bleibt. Ich treffe Kurt Brennert mit seiner Frau und August Zotzek ist auch bereits da. Es geht ihm nicht gut. Er liegt auf dem Rasen, ist nicht ansprechbar, aber verweigert medizinische Versorgung.

Bärbel Feicke besorgt mir ein Bier, Castle Lager, auf das ich mich unterwegs schon lange gefreut habe. Michael Schläbitz, Laufreiseveranstalter, den ich vom Two Oceans Marathon in Kapstadt kenne, kommt auf mich zu, umarmt und beglückwünscht mich. Zu seiner Reise-gruppe gehört Maria Bak, die in diesem Jahr in der Zeit von 6.14 Std. erneut und damit zum dritten Mal die Frauenwertung des Comrades gewonnen hat. Ich setze mich zu Josef und Lothar. Nun warten wir noch auf unsere fehlenden Laufkameraden und hoffen, dass sie vor dem dramatischen Zielschluss eintreffen.

Norbert Selmeier und Dietrich Schiemann schaffen das Finish locker unter 11 Stunden, während Thore Joten erst nach Zielschluss eintrifft. Schade für ihn, vielleicht versucht er es ja im nächsten Jahr noch einmal im Down-Run.

Der Zielschluss ist ein spektakulärer „Showdown“, angeheizt durch Ansager und Zuschauer. Nicht mehr gehfähige LäuferInnen werden getragen, gezogen oder geschleift. Die Zuschauer toben. Eine Minute vor Schluß wird die Absperrung von etwa 20 kräftigen Männern vorbereitet, die ein dickes Seil festhalten. Chairman Alison West tritt mit ihrer Signalpistole und dem Rücken zu den anstürmenden Läufern vor das Ziel. Ein Sekundant zählt den Countdown. Dann ein Schuss und das Seil wird blitzschnell über die Strecke gespannt. Die gerade ankommenden LäuferInnen versuchen noch durchzuschlüpfen, aber die entkräfteten LäuferInnen haben keine Chance. Viele lassen sich erschöpft fallen oder kollabieren. Glücklicherweise gibt es eine hervorragende medizinische Betreuung.





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Autor und Copyright: Karlheinz Kellert,

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