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Ungleicher Fahrradboom: Fahrrad wird immer mehr zum Statussymbol
 
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07.01.2022 

 

 
Radverkehr hat in Deutschland zwischen 1996 und 2018 um mehr als 40 Prozent zugenommen / Trend gilt in erster Linie f√ľr Menschen mit h√∂herem Bildungsabschluss
 
StadtBewohnerinnen und Bewohner in Deutschland mit Abitur fuhren 2018 mit 70 Minuten pro Woche durchschnittlich doppelt so viel Fahrrad wie noch 1996. Bei Bewohnerinnen und Bewohner weniger urbaner Gegenden ohne Abitur hat sich in diesem Zeitraum aber kaum etwas verändert. StadtBewohnerinnen und Bewohner mit Abitur fahren heute dreimal so lange Fahrrad wie Bewohnerinnen und Bewohner ländlicher Gegenden ohne Abitur.
 
Der Soziologe Dr. Ansgar Hudde vom Institut f√ľr Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universit√§t zu K√∂ln hat zwei Studien zum Zusammenhang von Fahrradmobilit√§t und Bildungsniveau erstellt, und daf√ľr mehr als 800.000 Wege ausgewertet, die mehr als 55.000 Befragte zur√ľckgelegt haben. Die Daten stammen aus dem deutschen Mobilit√§tspanel (MOP) und dem Sozio√∂konomischen Panel (SOEP) f√ľr die Jahre 1996 bis 2018 sowie der BMVI-Studie "Mobilit√§t in Deutschland 2017". Seine Ergebnisse sind in zwei Artikeln zusammengefasst, die in den Fachzeitschriften Journal of Transport Geography sowie Sociology ver√∂ffentlicht wurden.
 
Einen gro√üen Teil des Fahrradbooms f√ľhrt der Soziologe auf die Bildungsexpansion zur√ľck. "Die Daten zeigen einen starken Zusammenhang zwischen Radmobilit√§t und Bildungsniveau", sagt Hudde. "Es gibt immer mehr Menschen mit h√∂herer Bildung, und die fahren immer mehr Fahrrad. Beide Trends setzen sich aktuell ungebremst fort."
 
Dr. Ansgar Hudde hat f√ľr Bewohnerinnen und Bewohner von St√§dten auch untersucht, warum Menschen mit h√∂herer Bildung das Fahrrad h√§ufiger nutzen als Menschen mit niedrigerer Bildung. Eine Teilerkl√§rung daf√ľr ist, dass Personen mit Hochschulabschluss etwas h√§ufiger in fahrradfreundlichen St√§dten und Stadtvierteln wohnen. Die Auswertung der statistischen Daten macht aber deutlich, dass sich die Bildungsunterschiede auch innerhalb von St√§dten und Stadtvierteln zeigen. "Personen mit Hochschulabschluss nutzen in der Stadt das Fahrrad fast 50 Prozent h√§ufiger als Personen ohne Hochschulabschluss, wobei Faktoren wie Alter, Geschlecht und Wohnort bei der Untersuchung konstant gehalten wurden. Die Ergebnisse deuten insgesamt klar darauf hin, dass es der Bildungsstand selbst ist, der zu mehr Radfahren f√ľhrt", so Ansgar Hudde.
 
Daher ist Hudde der Frage nachgegangen, warum der Bildungsstand beeinflusst, ob und wie viel Menschen Fahrrad fahren. Die bisherige Forschung hat gezeigt, dass Menschen ihr Verkehrsmittel nicht nur nach den Kosten oder der Reisezeit ausw√§hlen. Vielmehr w√§hlen sie das Verkehrsmittel auch danach, was es symbolisiert und welche Botschaft man damit an Dritte sendet. Tendenziell kann ein teures Auto viel Reichtum und beruflichen Erfolg, aber wenig Gesundheits- oder Umweltbewusstsein ausdr√ľcken. "Beim Fahrrad ist es genau umgekehrt. Personen mit h√∂heren Bildungsabschl√ľssen laufen meist nicht Gefahr, dass sie als arm oder beruflich erfolglos wahrgenommen werden - selbst dann, wenn sie mit einem g√ľnstigen Rad unterwegs sind. Sie k√∂nnen mit dem Fahrrad vielmehr an Status gewinnen, wenn sie sich als modern, gesundheits- und umweltbewusst zeigen", erl√§utert Hudde. "Dagegen k√∂nnten Personen mit weniger hohen Bildungsabschl√ľssen ein teures Auto eher als Statussymbol nutzen, um zu zeigen, dass sie es zu Wohlstand gebracht haben."
 
Die Befunde haben weitreichende gesellschaftliche Bedeutung. Menschen mit niedrigeren Bildungsabschl√ľssen verf√ľgen h√§ufiger √ľber geringe finanzielle Ressourcen und haben im Durchschnitt einen schlechteren Gesundheitszustand. Das Fahrrad als kosteng√ľnstiges und gesundes Fortbewegungsmittel k√∂nnte solche Ungleichheiten mildern - aber das Gegenteil ist der Fall. Viele St√§dte f√∂rdern den Radverkehr und verteilen Stra√üenraum vom Auto- zum Radverkehr hin um. Im Moment kommen diese Ma√ünahmen aber in erster Linie den H√∂hergebildeten zugute. Dr. Ansgar Hudde res√ľmiert: "Wenn es der Politik gelingt, das Radfahren f√ľr alle attraktiv zu machen, bedeutet das: lebenswertere Orte, bessere Gesundheit, mehr Umweltschutz und weniger soziale Ungleichheit."
 
 
    Publikationen:
 
- The unequal cycling boom in Germany
 
- Educational Differences in Cycling: Evidence from German Cities




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Autor und Copyright: Dr. Ansgar Hudde, Institut f√ľr Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) K√∂ln
Foto: Pixabay