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Detlev Ackermann

 
   
 
 

Laufen macht süchtig?!
 
 
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05.06.2002  

 
 

Im folgenden sei beschrieben, warum die angenehme Auswirkung des Laufens selbst wieder zur Ursache werden kann, und welche Rolle erstaunliche Substanzen in unserem Körper dabei spielen. Dass Laufen zur Sucht werden kann, ist nämlich nicht nur gängiges Vorurteil, sondern hat durchaus einen realen Hintergrund:
 
Nach zwanzig Kilometern spürt man noch keine Ermüdung, wenn die Zeiteinteilung stimmt. Bisher scheint's zu passen, es geht wie von selbst. Solange der Körper mitmacht, gibt es bei einem großen Marathonlauf keine mentalen Probleme. Ein Hochgefühl. Man läuft und läuft und... Und die Hälfte ist schon fast vorbei. Heute klappt es sicher. Zweifünfzig, wenn's ganz gut geht. Wenn es schlimm wird, immer noch unter drei Stunden. Damit kann ich zufrieden sein, im zweiten Marathon, manche beißen da ein Läuferleben lang hin. Vergiss die Rechnerei, in einer Stunde sieht alles ganz anders aus. Tempo gleichmäßig halten, trinken nicht vergessen. Mit den Bechern geht's schlecht, wenn du keine Zeit verlieren willst, verschüttest du alles. Bald müssen meine Leute an der Strecke sein mit der eigenen Verpflegung. Die sind wahrscheinlich aufgeregter als ich.
 
Laufen macht nämlich wirklich süchtig. Nicht, dass schwere Entzugserscheinungen aufträten wie bei den starken Suchtgiften, wenn auf das Laufen verzichtet werden muss, aber eine gewisse Unausgeglichenheit und Unbehaglichkeit stellt sich schon ein. Die nächste Laufgelegenheit wird unruhig erwartet, Zufriedenheit tritt erst nach Ableistung des Pensums auf. Die "Dosis", sprich die gelaufenen Kilometer oder die Geschwindigkeit, muss immer weiter gesteigert werden, um eine gleich bleibende Wirkung zu erzielen. Schuld daran sind von uns produzierte so genannte endogene Opioide. So bezeichnen die Biochemiker Stoffe, die von unserem Körper gebildet werden und in ihrer Wirkung Opiaten ähneln. Vertreter dieser Opioide sind zum Beispiel die Enkephaline und Endorphine. Diese Eiweißstoffe mit hormonellen Funktionen sind an fast allen Vorgängen in unserem Körper beteiligt. Schon vor unserer Zeitrechnung war das aus dem Schlafmohn gewonnene Opium, schmerzstillend und euphorieauslösend, bekannt. Aus dem Opium wurden verschiedene natürliche Opiate, wie das Morphin und das Kodein, isoliert. Später ließen sich auch künstlich Opiate, am bekanntesten das Heroin, synthetisch herstellen. Bei der Erforschung ihrer Wirkungsweise wurden in den siebziger Jahren bei Mensch und Tier spezifische Bindungsstellen gefunden, an die sich diese künstlich erzeugten Stoffe anlagern. Wenn der Körper aber schon voller Rezeptoren ist, muss er die dazu passenden Substanzen wohl auch selbst bilden können. Die Wissenschaftler machten sich also auf die Suche nach den mit den Opiaten vergleichbaren körpereigenen Stoffen.
 
1975 wurde das erste Mal ein endogenes Opiat entdeckt und seither vermehrte sich das Wissen über diese Substanzen immens. Im Vordergrund stehen die, vom Opium her schon bekannte, beruhigende, schmerzstillende und Euphorie hervorrufende Wirkung. Die endogenen Opiate sind die körpereigenen Seligmacher. Produziert werden sie vermehrt, wenn wir einer Stresssituation, einer Belastung, Schmerzen ausgesetzt sind. Und Laufen ist für den Körper Stress, wenn auch nicht immer im negativen Sinn.
 
Jeder Langstreckenläufer spürt die Wirkung der durch die Belastung induzierten Endorphine. Wenn er sich genau beobachtet, kann er sogar ungefähr die Distanz angeben, nach der sie zu wirken beginnen. Die Stimmung wird dann ruhiger, gelöster. Das Laufen fällt leichter, das Vertrauen in das eigene Leistungsvermögen steigt. Man hängt seinen Gedanken nach, das Zeitempfinden lässt nach. Die Euphorie wird überdeckt, wenn die Belastung zu stark wird, dann aber wird die schmerzstillende Wirkung um so deutlicher. Die Strapazen der letzten Kilometer eines Marathonlaufs werden bei Weitem nicht mehr so wahrgenommen, wie sie wohl sind. Schmerzen, die nach 15 Kilometern noch spürbar sind, verlieren sich später; sie kommen erst Stunden nach dem Lauf wieder.
 
Die endogenen Opiate haben eine Vielzahl weiterer Funktionen in unserem Körper. Sie stimulieren das Immunsystem, wenn eine Belastungssituation es erfordert. Läufer sind auch aus diesem Grund gesünder, solange sie sich nicht zu sehr überfordern. Endorphine hemmen die Fruchtbarkeit, ein in der Natur unter Stressbedingungen sinnvoller Vorgang, merkbar allerdings nur bei extremen Beanspruchungen. Und, wie gesagt, sie machen süchtig. Diese Sucht ist nicht mit der durch verabreichte Opiate hervorgerufenen zu vergleichen. Solche körpereigenen Vorgänge bleiben maßvoller, ohne schädliche Nebenwirkungen und vor allem wegen des durch das Laufen bewußteren Umgangs mit sich selbst kontrollierbar.
 
Daneben werden natürlich auch andere Hormonsysteme durch das Training beeinflusst. Großen Einfluss auf unsere Persönlichkeit hat die Veränderung im autonomen, vegetativen Teil des Nervensystems. Der durch den Vagusnerv (den "Ruhenerv") repräsentierte parasympathische Anteil gewinnt größeres Gewicht gegenüber dem sympathischen, aktivierenden Anteil. Neben physiologischen Veränderungen, zum Beispiel einer Verlangsamung der Herzfrequenz, stehen mentale Wirkungen. Läufer sind deshalb eher ruhigere, ausgeglichener, nicht so leicht gestresste Mitmenschen.
 
Jetzt wird's langsam härter, die Schritte werden bewusster, jeder Kilometer ist länger als der vorherige. Ludwig ist ab Kilometer 23 zurückgefallen. Das Anfangstempo hat ihn aufgearbeitet. Eigentlich ist er besser als ich. Einfach zu wenig gelaufen in den letzten Wochen. Die Zeit fehlt. Zeit verplanen, Zeit einteilen, Zeit erübrigen. Zeit ist relativ, und jetzt vergeht sie immer langsamer. Noch zwölf Kilometer, nur noch. Im Training zählen zwölf Kilometer gar nicht. Es geht schon irgendwie. Einfach dran glauben. Nicht nachdenken, du kannst sowieso nicht mehr zurück. Weiterlaufen. Trinken, an die nächste Verpflegungsstelle denken. Du musst dir's zutrauen. Du hast dich untersuchen lassen. Laktatwerte. Demnach hättest du schneller laufen dürfen. Die anderen plagen sich auch. Einige gehen schon. Es geht dir doch noch ganz gut, letztes mal war's nach dreißig Kilometern viel schlimmer. Die Zeit stimmt genau. Dass du kämpfen musst, hast du voher gewusst. Du trainierst doch nicht ein halbes Jahr wie ein Irrer und lässt dich jetzt hängen. Also an Jemandem dranbleiben und das Tempo halten.
 




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Autor und Copyright: Detlev Ackermann, Laufen-in-Koeln


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